Das Schillerhaus in Bauerbach

Es wirkt alt, strahlt aber dennoch so etwas wie Beständigkeit und Würde aus  –  das kleine Fachwerkhaus in der Dorfmitte von Bauerbach. Von einem Gartengrundstück umgeben macht es auf den Betrachten den  Eindruck, als ob die Zeit hier stehengeblieben wäre. Geht man dann von der Gartenpforte die wenigen Meter den schmalen Pflasterweg bis zum Haus, lässt die Tafel   über der Haustüre keinen Zweifel mehr daran: Hier lebte und arbeitete Friedrich Schiller von Dezember 1782 bis Juli 1783. Sobald sich die alte Haustüre mit leisem Knarren geöffnet hat und den Blick frei gibt auf die beiden Räume im Erdgeschoss, fühlt sich der Besucher wie auf einer Zeitreise in eine andere Welt. Steigt man die schmale Treppe ins Obergeschoss hinauf,  dann öffnet sich ein Zeitfenster ins ausgehende 18. Jahrhundert.  Was mag dem jungen Friedrich Schiller wohl damals durch den Kopf gegangen sein, als er am Ende seiner Flucht aus Württemberg am 7. Dezember  1782 in der Abgeschiedenheit des kleinen Dorfes  zur Ruhe kam und in diesen Räumen so etwas wie eine Heimat auf Zeit fand? 

„Jetzt erst“, schreibt er am 8. Dezember 1782 an seinen Verleger, den Hofrat  Schwan in Mannheim, „kann ich Ihnen mit aufgeheitertem Gemüth schreiben; denn ich bin an Ort und Stelle, wie ein Schiffbrüchiger, der sich mühsam aus den Wellen gekämpft hat.“

Ein Domizil auf Zeit

Als Dr. Friedrich Ritter kommt  Schiller  im Herzogtum Sachsen-Meiningen, das damals von Herzog Georg I. regiert wurde, an. Von Frau von Wolzogen instruiert, nimmt  der herzogliche Bibliothekar Wilhelm Reinwald  Schiller am 7. Dezember 1782 in der Residenzstadt  Meiningen in Empfang. Man trifft  sich im Gasthaus „Zum Hirsch“ zu einem verspäteten Mittagessen. Es dunkelt bereits und in den Bauernhäusern  flackern die ersten Lichter auf, als Schiller in Bauerbach ankommt.  Es ist klirrend kalt und die schneebedeckten Hänge  umgeben das Dorf  wie eine schützende Decke.

„Endlich bin ich hier, glücklich und vergnügt, dass ich einmal am Ufer bin. …Das Haus meiner Wolzogens ist ein recht hübsches und artiges Gebäude, wo ich die Stadt gar nicht vermisse. Ich habe alle Bequemlichkeiten, Kost, Bedienung, Wäsche, Feuerung, und  alle diese Sachen werden von den  Leuten des Dorfes  auf das vollkommenste und willigste besorgt... “ – schreibt Schiller kurz nach seiner Ankunft  an seinen  Freund Andreas Streicher.

Reinwald, 22 Jahre älter als Schiller, ein Eigenbrötler  und introvertierter  Bücherwurm, der Schiller aber sehr verehrt, versorgt „Dr. Ritter“ (Reinwald war neben Henriette von Wolzogen der Einzige, der  die wahre Identität Schillers kannte)  mit allem Nötigen, vor allem aber mit Schreibmaterial und Büchern. 

Schillers Schwester Christophine
Bei einem seiner Besuche in Reinwalds Wohnung in Meiningen vergisst  Schiller seine Aktenmappe, in der sich auch Briefe seiner Schwester Christophine befinden. Reinwald kann der Versuchung nicht widerstehen und liest die Korrespondenz. Die Briefe machen einen so großen Eindruck auf ihn, dass sich Reinwald entschließt, mit Christophine in Kontakt zu treten.  Er heiratet sie 1786. Sie erreichte das stolze Alter von knapp 90 Jahren und fand ihre letzte Ruhe auf dem Meininger Parkfriedhof

Neben allerlei Studien und Plänen beschäftigt sich Schiller hauptsächlich während seiner Bauerbacher Zeit mit dem schon in Oggersheim begonnenen Trauerspiel „Luise Millerin“, das später von Iffland in „Kabale und Liebe“ umbenannt worden ist.  In   gewisser Weise  ist wohl auch seine Schwärmerei für die 17-jährige Tochter des Hauses, Charlotte von Wolzogen, in dieses Werk mit eingeflossen. Der damals 23-jährige Schiller muss die bittere Erfahrung machen, dass ihm, den mittellosen Dichter, ein gutsituierter Adliger vorgezogen wird. Dem Wunsch seiner Gönnerin entsprechend, verfasst er ein Hochzeitsgedicht anlässlich der Vermählung deren Pflegetochter Henriette Sturm. In diesen Zeilen ist die Liebe des Dichters zu Lotte, wie Schiller seine Angebetete  nennt,  unverkennbar.

In der Ruhe und Abgeschiedenheit des Dorfes überarbeitet er den „Fiesco“ und beginnt  mit den Vorbereitungen für „Maria Stuart“ und „Don Carlos“.  Im März 1783 entschließt sich Schiller dann endgültig, „Don Carlos“ in Angriff zu nehmen. Briefe, die er aus Bauerbach schreibt, spiegeln die Stimmungslage des Dichters wider. Zuversicht und Niedergeschlagenheit wechseln einander ab.  Bald meint er, immer in Bauerbach leben zu können und hier sein privates Glück zu finden, dann wiederum fühlt er sich vereinsamt und von der Welt abgeschnitten.

Da meldet sich der Mannheimer Theaterintendant  Dalberg  wieder bei Schiller, um ihm eine Stelle als Theaterdichter mit einem Jahresvertrag anzubieten. Doch Schiller zögert zunächst.  Im Mai 1783 teilt ihm Henriette von Wolzogen in einem Brief mit, man habe ihn in Meiningen erkannt, sein Inkognito als Dr. Ritter wäre gelüftet. Schiller entschließt sich daraufhin auf Zuraten von Henriette von Wolzogen, das Angebot Dalbergs  anzunehmen. Er reist am 24. Juli 1783 mit recht unsicheren Gefühlen und mit dem Gedanken nach  Mannheim, bald wieder nach Bauerbach zurückzukehren.  Doch nur noch einmal, Ende Dezember 1787,  sieht  er Bauerbach wieder und zwar anlässlich eines Besuches in Meiningen bei seiner Schwester Christophine,  die ein Jahr zuvor Wilhelm Reinwald geheiratet hatte.